Das Urban Spree präsentiert:

Eine Nicht-so-gute-Nacht-Geschichte aus dem Netz


Hab'se null vermisst, die Scherben auf der Straße und den Radwegen, die Jugend von heute, lauter, merkbefreiter, allerorten herumtorkelnder Pöbel, trotzdem, ich habe es getan.

Keine zwei Dutzend gestern, vorhin „51” „Zusagen”, nun gut, das ist im Rahmen und sollte eine entspannte Nummer werden, die erste und vor allem masken(be)frei(t)e (Indoor-) Veranstaltung in Berlin seit der FoR im Hangar 49 im März 2020 für mich.

Ein paar Tropfen Haargel, seit anderthalb Jahren die Tube nicht mehr angerührt, Tanzklamotten rausgezogen, geputzte Stiefel, möchte ich wirklich, nach Friedrichshain jodeln und später retour, puhhh, hab'ich doch früher ständig gemacht, jedes Wochenende.

Was muss, das muss, deswegen bin'ich (noch) hier, in Berlin, Berlin, Party, also los jetzt, auf den Drahtesel geschwungen, durch Kreuzberg gegurkt, Warschauer Straße, war das dort schon immer derlei ätzend, Volksfest, Biermeile, die Treppe hinunter, mein Gefährt am Zaun angeschlossen, und, tja, Pustekuchen, von wegen „entspannt”, eine Schlange bis zum Astra und wirklich was vorwärts ging nicht.

Weil es wurde nicht getrennt, Touris, Bunties oder „CLUB OPENING: aufnahme + wiedergabe at Urban Spree”, alles derselbe Trog, dieselbe Schlange vor dem Nadelöhr, Empfang und Zugang des geschrumpften Urban-Spree-Geländes, aber gut, sei's drum, die TiQ-Crew hatte es derweil reingeschafft, schließlich bekam ich von einem Mädel eine Pappe mit Klammer und Kulli in die Hand gedrückt und durfte einen offensichtlich schon unzählige Male kopierten Zettel „Erfassung Ihrer Kontaktdaten” ausfüllen, was ich sogar tat, brav notierte ich auch meine „Phonenumber” „0800-fick-dich-Müller” und die Friedrichstraße 169 als meine Adresse.

Zehn Euro sei heute der Eintritt, ließ sie mich wissen, hatte ich genauso erwartet, rechnete sogar damit, dass es fünfzehn sein könnten, weil Kommerz und Kapitalismus, all die armen DJs und Playback-Acts, welche eine lange Durststrecke hinter sich haben und ends am Hungertuch nagen.

Endlich, fast, der Eingangstresen vermeintlich in Reichweite, ob wir zusammengehören, fragte der Typ mit der Schnabelmaske den Vor-mir-Ansteher, dessen Freunde bereits im Biergarten saßen, mich und die beiden Grufti-Mädels hinter mir. „Nein”, antwortete ich, Pascal Feuchers staatlich subventioniertes ach so kulturell wertvolles Friedrichshainer Oktoberfest interessierte mich ohnehin nicht die Bohne.

Er ließ uns unterdes weiter warten und winkte wiederholt Grüppchen, welche hinter uns standen, vorbei und - wohlgemerkt, gänzlich ohne die alberne mittels Maßnahmenverordnungen und Bestimmungen vorgeschriebene Bürokratie - durch, weshalb ich mich bei ihm erkundigte, was es damit auf sich habe. Das gehe mich nichts an, polterte er pampig los, er mache was er wolle und ergänzte sodann wortwörtlich: „Eigentlich kommen einzelne Männer ohne Begleitung nicht rein".

Oh, oh, dennoch harrte ich weiter der Dinge, bis, ja, bis sich mir unversehens ein anderer Vogel näherte und behauptete, ich sei frech und wenn ich frech sei, komme ich nicht rein. Nanu, ich hatte mich lediglich einmalig freundlich erkundigt, warum sein großgewachsener Kollege ständig andere Herrschaften vorlässt, erwiderte ich, woraufhin er sich eben an seinen Kollegen mit der Schnabelmaske wandte und ihm mitteilte, dass es seine Entscheidung sei. Der Groschen schwebte gemächlich hinab und der verkündete hernach, dass ich nicht reinkomme.

„Okay”, Kindergarten, mein allererstes Mal, dass ich abgewiesen wurde, wobei ich Partys mit Anstehen und willkürlicher Tür sowieso generell meide. Wortlos, resigniert, gleichgültig und minimal amüsiert zuckte ich mit den Schultern und marschierte folglich nach einer guten Stunde vor dem Eingangstor des Urban Sprees zurück zu meinem Drahtesel.

Die erste Veranstaltung seit der Seuche, welche leider, leider, leider bislang viel zu wenigen Menschen das Leben gekostet hat, und dem damit einhergehenden bananenen Aktionismus der herrschenden Schießbudenfiguren, außerdem aufnahme + wiedergabe, während die einen voll steil d'rauf abgehen, waren mir die damit assoziierten Happenings in der Regel sowieso meist nüschts, gleichwohl war ich definitiv für eine positive Überraschung zu haben gewesen.

„Eigentlich kommen einzelne Männer ohne Begleitung nicht rein", wat 'ne schäbige Losung, stumpfe Sicherheitsfuzzis, denen scheinbar niemand die Schranken aufzeigt, das Urban Spree, was haben wir unter den roten Neonröhren einst gefeiert, und aufnahme + wiedergabe „from midnight on we welcome you back in our living room”, und an sich bin ich darüber gar nicht traurig, weil mir Berlin sowieso mehr und mehr zuwider ist.

Wurscht wie, feine Partys waren nicht erst seit C19 eine Seltenheit, der Großteil des spärlichen Angebots lockte mich eh nimmer raus in die Nacht, am 4. September 2021 durfte ich nun, ohne die Party überhaupt besucht zu haben, ein weiteres Häkchen machen, als Erinnerung blieb mir ein lumpiges Klemmbrett.

–––––– Über das Urban Spree ––––––

Das „Urban Spree” „auf dem RAW-Gelände” ist nach dem Ex-„Banker”, „Inhaber” und „Geschäftsführer” „Pascal Feucher” „ein fantastischer Ort”, an welchem er sich „in der Lage” sieht, seine „Vision” „aus jedem Euro und Quadratmeter den maximalen Gewinn zu erzielen” und den „Charme” „Kultur und Unterhaltung” „kommerziell” „zu vermischen” „umzusetzen”. [Tagesspiegel 10.01.2019]

„Herzstück” der „Underground”-„Location” Urban Spree und „Fixpunkt” des „Party-Berlin” für „verdrogte Nachtschwärmer” und „Touristenmassen”, die „aus Richtung des Bahnhofs Warschauer Straße gen Friedrichshain” einfallen, aber auch „Gothic- und Hipster-Publikum”, ist hierbei der „Biergarten”. Daneben stehen „Rock und Elektro”, „Drone, Düsteres und Experimentelles” auf dem „Programm”. [taz 13.11.2014]

„Der Ort ist lebendig, mobil und mutierend” im „kommerziellen” Einklang mit der „Veränderung in der Nachbarschaft” „für ein breiteres Publikum” in „einer standardisierten Stadt mit standardisierten Bedürfnissen”, wobei „das Rohe und Schmutzige daran beibehalten” wird. [iHeartBerlin 01.11.2016]

Während das Urban Spree „etabliert”, „charmant, innerlich jedoch tot”, „nach kommerziellen Parametern” „gentrifiziert”, was „für Berlins Touristen so anziehend” wirkt, blieben „seine Werte, seine Offenheit” auf der Strecke. [AusserGewöhnlich Berlin 10/2016]

Von Google-Rezensent*innen wird das Urban Spree mitunter als „arrogant, hipster wannabe place with no manners”, „crappy place”, „Touri-Falle”, „tourist attraction”, „echt touri-überlaufen und definitiv auf diese ausgerichtet” umschrieben, das Eingangspersonal sei „rude”, „ganz schön arrogant” und „erniedrigt” Gäste, „really awful staff”, „die Türpolitik war das Schlechteste was ich überhaupt erleben durfte”, „Einlass war sehr skurril und unfreundlich”, vor dem Zugang zum Biergarten dürfe eine „Spende” in Höhe von „2-3 Euro”, „5-10€” gezahlt werden, wer „Bock auf Deltaparty” habe, wäre dort richtig, denn die „Regeln werden komplett missachtet”, die Getränke „are low quality and overpriced”, „teuer”, „superteuer”, „überteuert” und schließlich: „Es gab in keiner einzigen Kabine Klopapier.” „Der Club ist eklig und verdreckt! Die Toiletten waren der Höhepunkt. Es fehlten WC-Deckel und es war alles nass mit Urin.”.

Mehr Informationen zu dem „Impresario, articulate thought-leader, badass Founder of the Urban Spree” Pascal Feucher und seinem „buzzedabout” Urban „dedicated to urban cultures” Spree in der Revaler Straße 99 finden sich in dem Wikipedia-Artikel zum Urban Spree von dem Autor „Urban Spree” („90,4 %”).

Für den exzellenten Gästeservice zeigen sich neben Pascal Feucher „Venue head” und „head of events Urban Spree” Joshua Murphy zusammen mit Catherine Elsässer and Nicolas Defawe alias le trio „MILK ME” verantwortlich.


Rückfragen an pfeucher arobase gmail.com. Alle Angaben ohne Pfeil und Bogen.

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